Frau beim tantra yogaEin Suchender fragt Sadhguru, „Was ist Tantra?“, Sadhguru gibt einen interessanten Einblick in die tantrische Tradition und erklärt, wie die Befolgung der Disziplinen des Gurus einen orgasmischen Effekt haben können und trotzdem nicht sexuell sind.

Frage: Was ist denn Tantra wirklich? Man sagt, der tantrischen Tradition nach, sei die Beziehung zwischen dem Guru und dem Shishya (spiritueller Schüler) intim und heilig. Es könne sogar eine sexuelle Verbundenheit zwischen Ihnen entstehen. Man sagt, dass die Anziehungskraft zwischen dem Guru und dem Shishya, so wie in der Krishna-Gobi Tradition der Verliebtheit, einen sexuellen Hintergrund habe. Also was ist denn Tantra wirklich? Und in welcher Verbindung steht es zu unserer Sexualität?

Sadhguru: Leider wird Tantra in der westlichen Welt oft als eine Art Prinzip des ungehemmten Geschlechtsverkehrs verstanden und dargestellt. Es wird enorm missverstanden.

Der Grund dafür ist, dass Bücher, die sich mit dem Tantra beschäftigen, von Leuten geschrieben wurden, die bloß ihre Bücher verkaufen wollen. Sie haben keine Ahnung von Tantrismus.

Das Wort „Tantra“ bedeutet buchstäblich „Technologie“ oder „Technik“. Es ist eine Technologie, die aus dem Inneren kommt. Man spricht dabei von subjektiven Methoden, keinen objektiven Methoden. Nach aktuellem Verständnis wird das Wort „Tantra“ aber mit unakzeptablen Methoden in Verbindung gebracht. Bestimmte Aspekte werden verfälscht. Doch eigentlich ist es nichts anderes als Yoga. Ein Glied des Yogas, genannt Tantra Yoga.

Tantrische Weg = sexueller Weg?

Aussagen, wie „Ich habe sexuelle Bedürfnisse, also folge ich dem tantrischen Weg“, sind schwachsinnig. Der menschliche Körper kann als eine Art Komposition zwischen dem physischen Körper – eine Ansammlung von konsumierten Essen, dem mentalen Körper – dem Erinnerungsvermögen, die individuelle „Software“, und dem energetischen Körper, in welchem die ersten beiden Körper heimisch sind, gesehen werden. Was jenseits von dem ist, ist physikalisch nicht erklärbar.

Die zwanghafte und zyklische Natur des Körpers und des Verstandes verhindern es, sich höheren Möglichkeiten zu widmen. Tantra schafft es, diese Barrieren zu überwinden. Es geht darum, zu erlernen, wie man mit seinem Körper umgeht. Doch nicht als Körper selbst, sondern als Stein, der Stufen gehen muss, um sein Dasein in die höchstmögliche Dimension zu befördern.

Beim Tantra geht es nicht um die Ausübung von ungehemmter Sexualität. Die Sexualität ist ein Urinstinkt in unseren Körpern, welcher zur Erhaltung der Menschheit dient.
Das Erkennen seiner Einschränkungen und die Sehnsucht, an den Toren anderer Dimensionen klopfen zu wollen, sind beim Yoga und beim Tantra maßgeblich.
Leute, die Aussagen machen, wie „Ich habe sexuelle Bedürfnisse, deswegen folge ich der Lehre des Tantra“, haben das Prinzip des Tantra nicht verstanden.
Im Tantra geht es nicht darum, durch seine Sexualität zu wachsen. Es geht darum, durch alle möglichen Gesichtspunkte zu wachsen.
Traurigerweise fühlen sich viele Menschen aus den falschen Gründen von diesem Weg angezogen.
Sie wollen eine spirituelle Maßnahme für ihre Sexualität.

Wieso erzählt man sich selbst so einen Schwachsinn? Behandel doch deine biologische Veranlagung wie deine biologische Veranlagung! Du brauchst ihr doch keine anderen Namen zu geben.

Ein energiegeladener Raum

Sexuelle Bedürfnisse können durch Beziehungen befriedigt werden. Sie durch spirituelle Prozesse erfüllen zu wollen, wäre unverantwortlich und verwerflich. Der tantrische Prozess dient nämlich nicht diesem Zweck. Die Spiritualität wird nicht aus einzelnen Energien vergrößert, sondern durch ein Bündeln von Energien. Es soll ein mit Energie geladener Raum geschaffen werden. Neue Möglichkeiten sollen konstruiert werden.
Anders als die Sexualität. Sie findet ihre Erfüllung in einem niedrigen Level des Energiesystems.

Tantra baut unsere Energien so weit aus, sodass wir die höchste Dimension unseres Energiesystems erreichen können. Das einfache Prinzip des Tantra Yogas ist: Alles, was dich zum Sinken bringt, kann dir auch wieder aufhelfen. Ein Mensch versinkt oftmals im Alkohol, im Essenskonsum oder in der Sexualität. Tantra Yoga verwendet diese drei Bestandteile und hilft einem wieder auf.
Von den verschiedenen Erscheinungsformen von Energie in unserem Körper – bezeichnet als die 114 Chakren – ist die, die aus dem obersten Punkt unseres Körpers fließt, die höchste.

Wenn man es zu diesem Punkt schaffen möchte, müssen alle Instinkte, auch der sexuelle Instinkt, Emotionen, der Intellekt und der Überlebensdrang für das Erbauen des Energiesystems verwendet werden. Es geht darum alle Instinkte zu nutzen, um eine bestimmte Menge an Energie herzustellen.
Wenn ein sexueller Akt stattfinden findet, wäre die ganze Vorbereitung umsonst und der eigentliche Zweck verloren.
Wenn Menschen anfangen bestimmte Substanzen zu sich zu nehmen, müssen sie sich auch in einem bestimmten Status befinden, sonst werden sie süchtig. Es erfordert ein hohes Maß an Disziplin. Eine Art von Disziplin, welche von den meisten Leuten nicht erreicht werden kann.
Wenn man 100 Leuten diesen Weg gehen lässt, werden 99 wie Säufer herumtorkeln.
Bekannt ist das Prinzip als der Pfad der linken Hand, was als grobe Technologie betitelt wird.

Der Pfad der rechten Hand ist dagegen eine präzisierte Technologie. Die beiden Seiten unterscheiden sich stark voneinander. Der Pfad der rechten Hand ist intern und reich an Energie. Es geht dabei nur um einen selbst. Er beinhaltet keine Rituale oder sonstiges.

Ist das Tantra?

Ja, auf eine bestimmte Weise schon. Aber das Wort Yoga umfasst beides.
Wenn wir das Wort „Yoga“ sagen, schließen wir keine Möglichkeit aus. Alles befindet sich in diesem Wort. Es ist nur so, dass ein paar Perverslinge ein paar Prozesse des linke-Hand Tantra sehen, wo mit dem Körper gearbeitet wird, und sie diesen Teil dann übernehmen und irgendwelche Ammenmärchen über ungewöhnliche Sexpraktiken erzählen. Das ist kein Tantra.
Tantra ist kein komischer Schwachsinn. Es ist eine bestimmte Fähigkeit. Ohne sie gibt es keine Möglichkeiten. Tantra bedeutet, dass man in der Lage ist, seine Energien zu benutzen, um Dinge geschehen zu lassen.
Wenn man sich und andere mit Liebe erfüllt, ist das Tantra.
Wenn man seinen Körper stärkt, indem du viel Sport treibt, ist das Tantra.
Wenn man es schafft, einen messerscharfen Verstand zu erhalten, ist das Tantra.
Wenn man es schafft, Dinge zum Laufen zu bringen, ohne seinen Körper, Geist oder Emotionen einzubringen, ist das ebenfalls Tantra.

Tantra ist kein sinnloser Quatsch.

Es ist eine Fähigkeit. Ohne es gibt es keine Möglichkeit.
Die Frage ist, „wie präzisiert ist dein Tantra?“. Du möchtest deine Energie einsetzen, aber brauchst du dafür 10.000 Rituale oder kannst du auf der Stelle beginnen? Dabei gibt es einen großen Unterschied. Geringe Technologie oder hohe Technologie, das ist hier die Frage. Ohne Tantra, gibt es aber keinen spirituellen Prozess.

Die Aufgabe des Gurus ist es, dem Shishya auf eine höhere Dimension des Bewusstseins zu bringen. Es geht nicht darum, ihn ins Netz seiner triebhaften Sexualität gehen zu lassen. Es geht darum, seine Technologie zu verbessern. Dafür braucht man nicht in einen orgasmischen Status zu verfallen. Wenn man sich hinsetzt und seine Augen geschlossen hält, kann man in jeder Zelle seines Körpers kleine Orgasmen fühlen.
Die Leute, die es nicht geschafft haben, einen orgasmischen Status der Existenz zu erreichen, werden einen ekstatischen Status mit Sexualität verbinden. Wahrscheinlich weil sie die höchste Erfahrung ist, die sie jemals gemacht haben.

Menschen versuchen immer wieder Zuflucht in der Beziehung zwischen Krishna und Gopi zu nehmen. Die Legende besagt, Krishna habe 16 000 Frauen gleichzeitig einen Orgasmus gegeben. Mit sexueller Einigkeit ist das unmöglich.
Ein Shishya kann eine sehr intime Beziehung zu einem Guru entwickeln. Intimität bedeutet für viele, dass sich 2 Körper berühren. Doch der Körper ist nicht intim genug für jemanden, der einen spirituellen Weg geht. Der physikalische Körper ist eine äußerliche Form, im tantrischen und yogischen System. Er hat nichts mit Intimität zu tun. Nur wenn Energien sich treffen und die Energien des Gurus die Energien des Shishyas überwältigen und brechen, kann von einer orgasmischen Erfahrung gesprochen werden. Einer Einheit, die aber keinen sexuellen Ursprung hat.

Wenn man meditieren möchte oder seine Spiritualität ausüben möchte, braucht man keinen Guru.
Ein Guru ist im Wesentlichen dafür zuständig, jemanden mit namenlosen Ekstasen zu erfüllen.
Tantra ist eine Technologie der Befreiung, nicht der Versklavung.

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